Vorwort
entnommen der Broschüre
„Sagen des Kreises Görlitz“
der Görlitzinformation 1984
Sagen sind wie die Märchen, ein wertvolles kulturelles Erbe. Sie geben uns einen gewissen Einblick in das Leben, Denken und Fühlen des Volkes vergangener Jahrhunderte, denn ihre Stoffe stammen meist aus der unmittelbaren Lebenswelt der Erzähler oder knüpfen an diese an; das waren oft Kriege, feudale Lasten, Plünderungen, Raubritter, Seuchen und andere schlimme Geschehnisse.
Das Erzählen von Sagen war, ebenso wie die Darbietung von Märchen und Schwanken, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in der dörflichen Gemeinschaft bei Gesinde, Landarbeitern, Häuslern, Kleinbauern und Handwerkern verbreitet.
Solange diese Schichten auf Grund ihrer dürftigen sozialen Lebensbedingungen des Schreibens und Lesens weitgehend unkundig waren und deshalb nur begrenzt am kulturellen Leben ihrer Zeit teilnehmen konnten, befriedigte die mündliche Sagenüberlieferung neben dem Unterhaltungsbedürfnis zu einem nicht geringen Teil auch die erzieherische Funktion, vor allem bei Kindern.
In der Sage erkennen wir auch Bruchstücke des Kampfes der unterdrückten Volksschichten gegen die herrschenden Kreise. In ihr wenigstens erhielt der frevelnde Junker, der hartherzige Förster, der reiche Geizhals seine verdiente Strafe, der Arme aber rettende Hilfe in der Not.
Wir lächeln vielleicht heute über die sonderbaren Gestalten, die einst aus der von Furcht und Unwissenheit erregten Phantasie der Menschen von ihnen geschaffen wurden. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden so Riesen und Zwerge, Teufel und Hexen, Wassermann und Schlangenkönig sowie andere Geister, die ihre dämonischen Kräfte zum Nutzen oder Schaden der Menschen einsetzen konnten. Ebenso entsprangen die „Schatzsagen" von geheimnisvollen Höhlen und Stollen und ihren Hütern, den Zwergen, dem Wunsch der Armen, teilzuhaben an den Reichtümern der Erde, die in der Hauptsache nur Königen, Fürsten, Junkern oder reichen Bürgern vorbehalten waren. Es mag vielleicht auch als ein Zeichen des Zornes des Volkes gelten, wenn in vielen Ruinen, auf fast jeder Burg oder jedem alten Herrensitz eine Spukgestalt, selbstverständlich blaublütiger Herkunft, ruhelos umgehen musste, als gerechte Strafe für ihre zahlreichen Schandtaten zu Lebzeiten.
Einen großen Verdienst an der Sagensammlung von Görlitz und
Umgebung hat „Paul Mikles“.
Auf diese Weise sei ihm Dank gesagt -
auch „Günter Hain“ für seine
ausdruckstarke Illustrationen.